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Geh‘ deine Bahn! (Herman Greulich, 1872)

Greulich

Geh‘ deine Bahn und lass‘ die Leute schwätzen —
Die Bahn ist lang — die Leute schwätzen viel —
Mag Unverstand von Ort zu Ort dich hetzen,
Geh‘ deine Bahn! Denk an dein hohes Ziel!
Mag mancher Hieb dich hart und schwer verletzen,
Der schonungslos in deine Seele fiel —
Wirf ab von dir, was deine Stirn umwittert!
Geh‘ deine Bahn, aufrecht und unerschüttert!

Geh‘ deine Bahn! Ob sich mit tausend Krallen
Der blinde Hass an deine Ferse hängt,
Ob die Verleumdung dich, gefloh’n von allen,
Bis an den Rand des tiefsten Abgrunds drängt —
Geh‘ deine Bahn! Du kannst, du darfst nicht fallen,
Ob’s deine Seele auch zusammenzwängt,
Kopf in die Höh‘! Mit keinem Glied gezittert!
Geh‘ deine Bahn! Aufrecht und unerschüttert!

Geh‘ deine Bahn! Lass die Philister (1) schwätzen,
Dass dies nicht möglich, das nicht tunlich sei.
Lass‘ sie getrost sich hinter’n Ofen setzen
Mit ihrer blöden Kannegiesserei (2) —
Geh‘ deine Bahn und folge den Gesetzen,
In deren Sieg die Welt wird schön und frei,
Vor deren Macht das Sklavenjoch zersplittert —
Geh‘ deine Bahn! Aufrecht und unerschüttert.

Geh‘ deine Bahn! Sie muss zum Siege führen.
Schon weicht die Nacht — der Himmel färbt sich rot,
Schon hört man morgenfrisch die Trommeln rühren,
Der unterdrückten Massen Aufgebot —
Schon dröhnen Schläge an der Zukunft Türen —
Das Sturmgebet des Volkes um sein Brot —
Das Schloss springt bald, ob’s noch so stark vergittert —
Geh‘ deine Bahn! Aufrecht und unerschüttert.

Herman Greulich

Eduard Weckerle kommentierte dieses Gedicht von Herman Greulich wie folgt: „Das vorstehende Gedicht erschien in der ‚Tagwacht‘ vom 16. Dezember 1872 unter der italienischen Überschrift ‚Segui il tuo corso, e lascia dir le genti!‘ mit der Anmerkung: ‚Dieses schöne Wort, mit dem Karl Marx die Vorrede zu seinem Werk Das Kapital schliesst ist von dem grössten Dichter Italiens, Dante Alighieri, der vor 600 Jahren lebte. Die erste Zeile des Gedichts ist die Übersetzung.‘“(3)

(1) „Philister“: veraltetes Wort für „Spiessbürger“.
(2) „Kannegiesserei“: Veraltetes Wort für „inkompetentes politisches Geschwätz“, „Stammtischgerede“.
(3) Eduard Weckerle: Herman Greulich. Ein Sohn des Volkes, Zürich: Büchergilde Gutenberg 1947, S. 352.

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Die Suisse Romande, Herr Blocher und sein Grosspapa

„Die Welschen hatten immer ein schwächeres Bewusstsein für die Schweiz.“ Christoph Blocher im Interview mit Markus Somm und Benedict Neff, Basler Zeitung (12.2.2014)
„Freilich muss auch gesagt werden, dass das schweizerische Gemeinschaftsgefühl in der welschen Schweiz noch nicht so entwickelt ist, wie in der deutschen; es geht ihr nach, dass sie noch nicht so lang an der Lenkung der Geschicke des Vaterlandes Anteil hat.“ Eduard Blocher: „Über den schweizerischen Partikularismus„, in: Schweizerische Monatshefte für Politik und Kultur 2 (1923), Nr. 12., S. 626.

Warum verschweigt uns Herr Blocher, dass er seine Thesen zum Nationalbewusststein der französischsprachigen Schweiz seinem Herrn Grosspapa verdankt?
Doch nicht etwa weil Pfarrer Eduard Blocher sein überlegenes „schweizerisches Gemeinschaftsgefühl“ zwischen 1914 und 1918 damit zum Ausdruck brachte, dass er Propaganda für das Reich Wilhelm des Letzten betrieb?(1) So schrieb der Pfarrer damals etwa, dass die Belgier eigentlich selber schuld daran gewesen seien, dass sie von den Deutschen überfallen, terrorisiert und ausgeplündert wurden, weil Belgien halt doch nicht so ganz so neutral wie die Schweiz gewesen sei.(2)

Solche Details können doch wirklich nur spitzfindige linke Junghistoriker – wie etwa den Schreiber dieser Zeilen – stören! Blochers Freunde von der „Alternative für Deutschland“ würden ihn aber bestimmt noch fester ans Herz drücken, wenn sie wüssten, dass er ein Enkel eines derart eifrigen Vorkämpfers der Interessen des Deutschtums in Europa ist.

(1) Vgl: Alexandre Elsig: „Un ‚laboratoire de choix‘? Le rôle de la Suisse dans le dispositif européen de la propagande allemande (1914–1918)“, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 63 (2013), Nr. 3., S. 382-404.
(2) Eduard Blocher: Belgische Neutralität und schweizerische Neutralität, Zürich 1915 [Stimmen im Sturm aus der deutschen Schweiz, Bd. 3].

Aktuelle Ausgabe der SZG: Neue Zugänge zur Geschichte der Schweiz im Ersten Weltkrieg

Aktuelle Ausgabe der SZG: Neue Zugänge zur Geschichte der Schweiz im Ersten Weltkrieg.

B. Kautsky vs. F.A.v. Hayek: Eine aktuell gebliebene Trouvaille aus der neu vollständig on-line zugänglichen „Roten Revue“ (1921-2009)

Die „Rote Revue“ – die 1921 erstmals erscheinende und leider 2009 eingestellte – Theoriezeitschrift der schweizerischen Sozialdemokratie ist seit kurzem vollständig digitalisiert und unter http://retro.seals.ch/digbib/vollist?UID=ror-001&id=browse&id2=browse1 abrufbar.
Die Beiträge in der „Roten Revue“ sind eine wichtige Quelle für die Geschichte der schweizerischen und internationalen Arbeiterbewegung.
Einige in der „Roten Revue“ publizierte Texte sind zudem auch für die heutigen politischen Auseinandersetzungen noch aktuell. Das gilt auch für die folgende zweiteilige Auseinandersetzung von Benedikt Kautsky mit der bis heute eine „Bibel“ des Neoliberalismus darstellenden Polemik „Der Weg zur Knechtschaft“ des Friedrich August von Hayek (1899-1992), die ich erst dank der Digitalisierung entdeckt habe:

Benedikt Kautsky: „Renaissance des Liberalismus?“, in: Rote Revue 25 (September 1945), Nr. 1, S. 433-442. http://dx.doi.org/10.5169/seals-335129
Benedikt Kautsky: „Renaissance des Liberalismus? (Schluss)“, in: Rote Revue 24 (Oktober 1945), Nr. 14, S. 465-477. http://dx.doi.org/10.5169/seals-335134

Zum Autor: Benedikt Kautsky (1894-1960) war ein wichtiger Kopf der österreichischen Arbeiterbewegung. Seine Eltern waren Karl Kautsky (1854-1938), der einflussreichste marxistische Denker nach Marx und Engels und Luise Kautsky (1864-1944), eine unermüdliche Kämpferin für den demokratischen Sozialismus. Sie war eine enge Freundin von Rosa Luxemburg (1871-1919).
Benedikt Kautsky schrieb diesen Text nur wenige Monate nach seiner Befreiung aus einer siebenjährigen Haft in mehreren Konzentrationslagern, seine Mutter war trotz ihres hohen Alters von den Nazis nach Auschwitz verschleppt worden und kam nie mehr von dort zurück.

Geschichte des SEV seit 1970 – Histoire du SEV depuis 1970 – Storia del SEV dal 1970

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Der SEV in Bewegung: vom Verband zur Gewerkschaft. Die Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV seit 1970, Bern: SEV 2013.
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Le SEV en mouvement: de la fédération au syndicat. Le syndicat du personnel des transports SEV depuis 1970, Berne: SEV 2013. (Traduction: Serge Anet et Murielle Vianin)
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SEV: dalla federazione dei ferrovieri al sindacato del personale trasporti. Il sindacato del personale dei trasporti dal 1970, Berna: SEV 2013. (Traduzione: Marco Gehring)
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Vor der Revolution? Der November 1918 in den Niederlanden und der Schweiz

Referat im Panel «Globaler Krieg – totaler Krieg? Transnationale und vergleichende Perspektiven auf die Schweiz im Ersten Weltkrieg» an den 3. Schweizerischen Geschichtstagen

Universität Freiburg (CH)
Samstag, 9. Februar 2013
15:00 bis 17:30 Uhr
Raum 3117

Link zum Abstract des Referats
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Kontinuitäten und Brüche in der sozialen Basis und lokalen Verankerung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz im 20. Jahrhundert

Referat (zusammen mit Line Rennwald) im Rahmen des Panels „Les partis politiques suisses en mutation : constellations locales et dynamiques globales“ an den 3. schweizerischen Geschichtstagen.

Universität Freiburg (CH)
Freitag, 8. Februar 2013
10:30 bis 13:00 Uhr
Raum Aud. B

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