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Geh‘ deine Bahn! (Herman Greulich, 1872)

15/06/2014

Greulich

Geh‘ deine Bahn und lass‘ die Leute schwätzen —
Die Bahn ist lang — die Leute schwätzen viel —
Mag Unverstand von Ort zu Ort dich hetzen,
Geh‘ deine Bahn! Denk an dein hohes Ziel!
Mag mancher Hieb dich hart und schwer verletzen,
Der schonungslos in deine Seele fiel —
Wirf ab von dir, was deine Stirn umwittert!
Geh‘ deine Bahn, aufrecht und unerschüttert!

Geh‘ deine Bahn! Ob sich mit tausend Krallen
Der blinde Hass an deine Ferse hängt,
Ob die Verleumdung dich, gefloh’n von allen,
Bis an den Rand des tiefsten Abgrunds drängt —
Geh‘ deine Bahn! Du kannst, du darfst nicht fallen,
Ob’s deine Seele auch zusammenzwängt,
Kopf in die Höh‘! Mit keinem Glied gezittert!
Geh‘ deine Bahn! Aufrecht und unerschüttert!

Geh‘ deine Bahn! Lass die Philister (1) schwätzen,
Dass dies nicht möglich, das nicht tunlich sei.
Lass‘ sie getrost sich hinter’n Ofen setzen
Mit ihrer blöden Kannegiesserei (2) —
Geh‘ deine Bahn und folge den Gesetzen,
In deren Sieg die Welt wird schön und frei,
Vor deren Macht das Sklavenjoch zersplittert —
Geh‘ deine Bahn! Aufrecht und unerschüttert.

Geh‘ deine Bahn! Sie muss zum Siege führen.
Schon weicht die Nacht — der Himmel färbt sich rot,
Schon hört man morgenfrisch die Trommeln rühren,
Der unterdrückten Massen Aufgebot —
Schon dröhnen Schläge an der Zukunft Türen —
Das Sturmgebet des Volkes um sein Brot —
Das Schloss springt bald, ob’s noch so stark vergittert —
Geh‘ deine Bahn! Aufrecht und unerschüttert.

Herman Greulich

Eduard Weckerle kommentierte dieses Gedicht von Herman Greulich wie folgt: „Das vorstehende Gedicht erschien in der ‚Tagwacht‘ vom 16. Dezember 1872 unter der italienischen Überschrift ‚Segui il tuo corso, e lascia dir le genti!‘ mit der Anmerkung: ‚Dieses schöne Wort, mit dem Karl Marx die Vorrede zu seinem Werk Das Kapital schliesst ist von dem grössten Dichter Italiens, Dante Alighieri, der vor 600 Jahren lebte. Die erste Zeile des Gedichts ist die Übersetzung.‘“(3)

(1) „Philister“: veraltetes Wort für „Spiessbürger“.
(2) „Kannegiesserei“: Veraltetes Wort für „inkompetentes politisches Geschwätz“, „Stammtischgerede“.
(3) Eduard Weckerle: Herman Greulich. Ein Sohn des Volkes, Zürich: Büchergilde Gutenberg 1947, S. 352.

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